«Senegals Fischer»

Sterben ist besser als Nichtstun; letzte Möglichkeit Flucht:
Obwohl sie in einem der angeblich hoffnungsvollsten Länder Afrikas leben, ist für viele junge
Senegalesen ihr Heimatland ein hoffnungsloser Fall. Jeder zweite unter 30 ist arbeitslos. Um dem
Nichtstun und der Perspektivlosigkeit zu entgehen, nehmen sie vieles in Kauf, auch die
lebensgefährliche Flucht auf die kanarischen Inseln.

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Ohne Arbeit keine Zukunft:
Vor allem die Generation der 20- bis 35-Jährigen leidet unter der hohen Arbeitslosigkeit, die
nach offiziellen Angaben 48 Prozent beträgt. Und jung ist im Senegal die Mehrheit: 80 Prozent
der beinahe 12 Millionen Senegalesinnen und Senegalesen zählen weniger als 30 Jahre. Najib Sagna,
Journalist bei der senegalesischen Zeitung «Walfajri» und dem gleichnamigen Radio, schätzt, dass
von dieser Generation jeder zweite ohne Arbeit ist, in Zahlen heisst dies: 4,8 Millionen junge
Männer und Frauen unter 30 Jahren sind ohne Arbeit.

(...)

Wenn die Heimat kein Zuhause mehr ist:
2006 stachen 30 000 Afrikaner von den Küsten Senegals und Mauretaniens aus in See,
die meisten davon waren Senegalesen; 6000 bezahlten die gefährliche Überfahrt mit dem Leben.

Ablaye nahm am 6. August 2006 in einer bunt bemalten Piroge eines Fischers Kurs auf die
Kanarischen Inseln. Gestartet wurde im 60 Kilometer nördlich von Dakar gelegenen Fischerdorf
Kayar. Das Holzboot war wenig vertrauenswürdig, aber es verfügte über zwei Motoren. Die Überfahrt
kostete ihn 400 000 Francs CFA, 1000 Schweizer Franken. Einen Teil des Geldes hatte ihm seine Mutter
geliehen; den Rest hatte er selber zusammen gespart.
Ablayes Erinnerungen an die Flucht sind schrecklich. «Ich litt Todesängste während der ganzen Fahrt,
konnte zuerst die Beine nicht mehr bewegen und verlor langsam das Gefühl für den ganzen Körper.
Doch wir hatten Glück im Unglück. Das Meer war ruhig; Essen und Wasser reichten bis zum Schluss.»
Ablaye, der arbeitslose Namensvetter des Präsidenten, kletterte im letzten Sommer nicht ins Boot,
weil er vom Paradies Europa träumte. Er weiss, dass in Paris die Flüchtlinge im Winter auf der
Strasse beinahe erfrieren. Er weiss, dass schwarze Migranten in Spaniens südlichen Gemüsegärten
miserabel bezahlt und schlecht behandelt werden. Er weiss, dass in Europa niemand auf ihn wartet,
obwohl er stark ist, klug und jung. Dennoch beschloss er zu gehen: «Weil ich nicht mehr wusste,
wo mein Platz, mein Zuhause war.»

Dakar, Salum Delta, Thiaroye,
Mbour, Rufisque 2006

Text: Judith Wyder

Publiziert in 500Ex. Magazin

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«Senegals Fishermen»

Dakar, Salum Delta, Thiaroye,
Mbour, Rufisque 2006